|
Rezension des Buches von Richard Overy über den 2. Weltkrieg: "Die Wurzeln des Sieges - warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen" ist eine Neubewertung der bekannten und eher unbekannten Faktoren.
Richard Overy, Professor für Neuere Geschichte am King’s College in London, legt mit dem Buch eine Analyse der Faktoren vor, die zum Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg führten. Neu ist dabei nicht die umfassende Auswertung von statistischen Daten, sondern die Tatsache, dass ein Versuch unternommen wurde, die vielen unterschiedlichen Felder, auf denen der Konflikt ausgetragen wurde, zu verknüpfen und neu zu interpretieren. Maßgebliche FaktorenDie zehn Kapitel des Buches behandeln eingehend die im Titel genannte Frage und sind weitgehend an den zentralen Feldern orientiert, die den Kriegsausgang beeinflusst haben: Die Seekriegsführung im Atlantik und im Pazifik, die großen Schlachten von Stalingrad und Kursk, der Bombenkrieg, die Invasion in Frankreich, die Kriegswirtschaft der beteiligten Staaten, die technologischen Aspekte, die Auswirkungen der Staats- und Militärführer sowie die moralische Komponente des Konflikts.
Overy weist auf mehrere Entwicklungen hin, die in der herkömmlichen Geschichtsschreibung nicht ausreichend gewürdigt wurden. Er entlarvt damit einige der Mythen, die von den Siegermächten, aber auch von den Generälen der unterlegenen Staaten aufgebaut wurden: Während in der Sowjetunion lange Zeit der Mut der Roten Armee als Schlüssel zum Sieg galt, führte der Westen seinen militärischen Erfolg auf eine vermeintliche moralische Überlegenheit zurück. Zugleich bemühten sich die führenden Offiziere in Deutschland und Japan, Gründe für ihr Scheitern zu finden – aus dieser Sichtweise erschien es zumindest bequem, die Gründe in der feindlichen Übermacht oder im Einfluss Hitlers auf die Kriegsführung zu sehen. Militär und Wirtschaft
Es zeichnet das Buch aus, dass die Titelfrage auch nach dem Lesen nicht eindeutig beantwortet erscheint, der Leser aber dafür ein weitaus besseres Verständnis für die Komplexität der militärischen, ökonomischen, politischen und psychologischen Zusammenhänge entwickelt und dabei gleichzeitig den Einfluss der Führungspersönlichkeiten nicht aus den Augen verliert.
Als Beispiel kann eine Argumentation aus dem Buch gelten: Ein Grund, der nach Overy mit für die deutsche Niederlage verantwortlich war, lag paradoxerweise darin, dass die Wehrmacht zuviel Einfluss auf die Waffenentwicklung erhielt. Obwohl die Diktaturen in der Sowjetunion und in Deutschland auch im wirtschaftlichen Bereich Ähnlichkeiten aufwiesen, ging der Einfluss Stalins auf die Kriegswirtschaft seines Landes weit über den Hitlers hinaus. Es gelang Stalin als Anhänger von fordistischen Massenproduktionsverfahren, eine unglaubliche Zahl von Waffen und Geräten produzieren zu lassen, während Hitler stark auf technologisch überlegene Waffen setzte, die dann jedoch nur in geringeren Stückzahlen produziert werden konnten. Die Typenvielfalt bei deutschen Panzern und Flugzeugen schuf zusätzliche Probleme für die Logistik, da viel mehr unterschiedliche Ersatzteile bevorratet werden mussten.
Nach Meinung Overys werden in bisherigen Analysen die Truppenstärke und die Produktionszahlen als Faktor für den Ausgang des Krieges überbewertet. Diese Produktionszahlen hätten zwar den späteren Sieg der Alliierten ermöglicht, sie können aber nicht für die Wendepunkte des Krieges verantwortlich gemacht werden. So seien die Achsenmächte bereits militärisch im Scheitern begriffen gewesen, als die Produktionsziffern der Alliierten noch nicht das volle Ausmaß erreicht hatten.
Das Buch enthält Abbildungen, einen sehr knappen statistischen Anhang, zahlreiche Anmerkungen, eine umfangreiche Bibliographie sowie ein Orts- und Sachregister.
Die englische Originalausgabe erschien bereits 1995 unter dem Titel "Why the Allies Won".
|