Handbuch Ghostwriting

Bildblog.de

Parodie , aber auch ernstzunehmende Kritik: Mit bissigem Humor und tatkräftiger Recherche setzt sich eine Webseite gegen die Methoden der Bild-Zeitung zur Wehr.

Die Zeitung mit den vier Buchstaben ist erfolgreich und prägt die öffentliche Meinung stark - sie hat jedoch aufgrund ihrer Methoden und ihrer politischen Ausrichtung massive Kritik auf sich gezogen, die sich auch im Internet ausbreitet.

Die Seite Bildblog.de, die den bescheidenen Untertitel „Notizen über eine große deutsche Boulevardzeitung" gewählt hat, entlarvt täglich aufs Neue, auf welche Weise einige der großformatigen Bild-Schlagzeilen zustande kommen. Laut Eigendarstellung ist Bildblog der Ansicht, die Bild-Zeitung sei nicht lediglich eine Boulevardzeitung, die naturgemäß vereinfache und zuspitze - vielmehr handele es sich um eine Art der Berichterstattung, die viele Auffälligkeiten aufweise: „Sorgloses, Fahrlässiges und Artikel, die von anderen Interessen motiviert sind als denen der Leser oder die schlicht falsch sind." Nach dem Eigenverständnis der Seitenbetreiber ist die Bild-Zeitung durchaus ernst zu nehmen, zumal davon auch Existenzen abhängen. Dies schließt jedoch nicht die Möglichkeit aus, sich andernorts über besonders drollige und weltfremde Artikel und Schlagzeilen auch lustig zu machen.

 

Eigene Recherchen

So erschien es beispielsweise ungewöhnlich, dass die Bild-Redakteure offenbar mehr über die kürzlich im brasilianischen Amazonasgebiet entdeckten Indianer wussten als die Entdecker selbst. Bild berichtete: „Die Urwald-Männer zähmen Spinnen". Auf Recherche von Bildblog hin ergab sich, dass der von der Zeitung zitierte Wissenschaftler davor gewarnt hatte, „mit Begriffen wie Steinzeit" zu hantieren - wovon sich die Bild-Redakteure jedoch nicht beeinflussen ließen und die Schlagzeile „Steinzeitmenschen entdeckt!" wählten.

Besonders interessant sind die Einblicke in die Vorgehensweise der Bild-Redakteure, die die Seite liefert. Je nach Nachrichtenlage werden künstlich Skandale geschaffen, zur Not auch Weltuntergangsszenarien beschworen wie im Oktober 2005 („Klügster Mensch der Welt prophezeit: So geht unsere Erde unter!").

Seit dem Start der Seite im Juni 2004 ist so eine beträchtliche Sammlung von Recherchen und Kommentaren zustande gekommen, die Aufschluss über die Entstehungsgeschichte und den Mangel an journalistischer Qualität zahlreicher Bild-Artikel geben. Auf den Punkt gebracht wurde die Kritik an den vielen belanglosen, verzerrenden, teils emotionalen Überschriften durch den „Schalgzeil-o-mat" - eine kleine Animation, die es dem Nutzer erlaubt, an einem Spielautomaten im Stile eines einarmigen Banditen Bild-würdige Schlagzeilen zu erzeugen. Die Themen sind dabei immer volksnah und bewegen sich zwischen Hitler, Sex, brutalen Killern, Geheimwissen, Folterungen und raffgierigen Omas, die auch schon mal das Arbeitsamt betrügen.

 

Erläuterung von Bildsprech

Einblick in die Strukturen gibt auch ein auf der Seite befindliches Bild-Wörterbuch, das häufige Formulierungen des Blattes beschreibt und dabei auf die entsprechenden Artikel des Bild-Onlineangebotes verweist. Hier finden sich Begriffe aus den Sternstunden der Bild-Berichterstattung, von „Busenmacher-Witwe" über „Döner-Killer", „Liebesdepp", bis hin zu „Tanga-Terror". Alle Begriffe werden mit Humor und Sachverstand erklärt.

Auch Bild-Aufrufe werden auf die Schippe genommen. So startete die Seite ein Experiment, das die Bild-Leser-Reporter-Aktion parodiert und die Nutzer des Blogs dazu aufruft, den Bild-Chefredakteur zu fotografieren und die Fotos einzusenden. Der Bildblog-Werbespot, in dem Ladykracher- und Ladyland-Darstellerin Anke Engelke sowie Christoph Maria Herbst (Stromberg) auftreten, parodiert gekonnt den vollmundigen Werbespruch der Zeitung, wonach jede Wahrheit einen Mutigen brauche, der sie ausspricht.

 
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