Handbuch Ghostwriting

Ghostwriting ist nicht SEO-Texten!


Wer sich heute etwas intensiver mit dem Thema Ghostwriting beschäftigt, wird unweigerlich auf jene Zeitgenossen treffen, die Aufträge der Kategorie „Ghostwriting“ zu vergeben haben, die sich später jedoch als simples SEO-Texten, herausstellen, also ein Schreiben nach den Kriterien der „search engine optimization“ bzw. Suchmaschinenoptimierung.

 

Dabei sollten die Kategorien keinesfalls vermischt werden. Obwohl in beiden Fällen Texte gegen Geld erstellt und geliefert werden, geht es bei der Suchmaschinenoptimierung weniger um tatsächliche Inhalte, als vielmehr darum, Schlagworte in bestimmter Menge, in bestimmten Wortabständen, in streng formalisierten Texten unterzubringen. Ein SEO-Auftrag kann beispielsweise lauten: „Schreiben Sie 50 Texte zu je 300 Worten. In allen diesen Texten sollten je zweimal die Begriffe ‚Österreich‘, ‚Bauernhof‘ und ‚Ferien‘ auftauchen. Zusätzlich muß in allen Überschriften der Klasse eins der Begriff ‚Urlaub‘ vorkommen.“ – es fällt nicht schwer, sich das Schicksal eines derart erzeugten („geschrieben“ wäre geschmeichelt!) Textes vorzustellen: Oft landet er auf einer Seite, die Teil eines Netzwerkes von sich gegenseitig verlinkenden Seiten ist, und die durch und durch auf Google abgestimmt werden. Suchmaschinenoptimiert eben, nicht informations-, erst recht nicht leserorientiert. Solche Seiten leben meist  von Werbeeinnahmen, sprich: von Klickraten auf die Werbeeinblendungen, die manchmal als simpler Text am Bildrand, manchmal als störende Flash-Animation oder auch als nervtötende Layer- oder Pop-ups  erscheinen.

 

Die Branche boomt, SEO-Texter ist inzwischen ein gängiges Stellenangebot. Die Preise für derartige Dienstleistungen beginnen durchaus schon bei 1 Cent pro Wort. Wer will, kann sich auch sein neues Forum, das die Besucher durch gähnende Leere abschreckt, von bezahlten Schreibern füllen lassen, um Aktivität vorzutäuschen, um so echte Teilnehmer zum Verfassen von Beiträgen anzuspornen.

 

Die Folgen: Das Netz paßt sich auch in dieser Hinsicht an den Internetriesen Google an. Die auf Google abgestimmten Seiten werden mit Google-Werbung versehen und es herrscht Verwirrung auf Seiten derer, die altmodische, hausgemachte Texte benötigen.

 

Was sind nun die Unterschiede zwischen Ghostwriting und SEO?

- Ghostwriting beschäftigt sich in der Regel mit längeren Texten: Während es für eine Webseite, die es in erster Linie auf SEO-Erfolg abgesehen hat, günstig erscheint, viele kurze Texte zu veröffentlichen, ist das Ghostwriting – auch solches im Internet – in erster Linie in größeren Projekten angelegt.


- Ghostwriting ist deutlich freier und weniger formalisiert. Es kann dadurch intensiver auf die Vorstellungen des Kunden eingehen. Wer nicht unter dem Druck steht, unbedingt 5% „Keywords“ in seinem „Content“ unterbringen zu müssen, kann eindeutig mehr aus seinen Texten machen.

 

- Ghostwriting taugt eher für das gute alte, bedruckte Papier (zumindest bevor es eingescannt wird und dann doch wieder bei Google Books landet).


- Ghostwriting weist eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema auf. Dies trifft insbesondere bei Buchprojekten zu. So kann der Ghostwriter sich über einen längeren Zeitraum mit dem Thema auseinandersetzen. Er kann über Monate recherchieren und so dazu beitragen, daß der Text Hand und Fuß hat. Im obigen Beispiel wäre – gegen Spesen – durchaus mal ein Besuch auf einem österreichischen Bauernhof fällig. Und mit Sicherheit würden die Verkostung der leckeren Milch und der wundervolle Blick auf das Alpenpanorama bewußt oder unbewußt in den Text Eingang finden und ihm das geben, was dem durch und durch nach Effizienzkriterien gestalteten, suchmaschinenoptimierten Text fehlt: Charakter. 


- Ghostwriting setzt ein Vertrauensverhältnis zum Kunden, zumindest aber zur Agentur voraus: Der Suchmaschinentexter arbeitet anonym nach strengen Vorgaben, die wenig Raum für eigene Ideen und so etwas wie einen persönlichen Stil lassen. Der Ghostwriter hat auch schon mal eine Idee, wie man einen Text zuspitzt, wie man einen Spannungsbogen erzeugt, wie man das Thema am besten angeht, oder wie man treffsicher formuliert. Der Text kann davon nur profitieren, insbesondere wenn Kunde und Ghostwriter ihre unterschiedlichen Stärken einbringen und aufeinander abstimmen.


- Ein von einem Ghostwriter verfaßter Text muß nicht neu  geschrieben werden, wann immer es Google beliebt, seine Suchalgorithmen zu ändern (es sei denn, es handelt sich über ein Buch über die Suchalgorithmen).


 - Ach ja, eines noch: Ghostwriting wird besser bezahlt.

 
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